Die Stadt als kulturelles Archiv

Wie LuM-Studentinnen Berlin lesen lernten

 

Wieso eigentlich wieder Berlin? Diese Frage stellte sich wohl die eine oder andere im Vorfeld unserer Reise. Eine Exkursion in die Hauptstadt und dann standen auch noch die Museumsinsel und das Jüdische Museum auf dem Programm. Das kennt man doch alles schon! Doch es kam anders. Mit dem Anspruch, das geschichtsträchtige Berlin als kulturelles Archiv ernst zu nehmen, sahen wir die weltberühmten Touristenmagnete nämlich mit anderen Augen. Dass es uns überhaupt gelang, den Wahrnehmungsmodus zu wechseln, hatten wir nicht zuletzt einem ausgesprochen versierten Museumsführer zu verdanken. Guido Petras versorgte uns mit einem Architektur-Crashkurs, wies auf die unterschätzen Tücken der so makellos strahlenden Marmorskulpturen hin und klärte uns über Muskelkostüme auf.

Aber vor allem wurden wir während seiner Führungen für den Konstruktionscharakter von Museen und deren uns meist verborgen bleibenden Implikationen sensibilisiert. Plötzlich wurden sorgfältig durchdachte Symboliken religiöser und politischer Art sichtbar. Unmissverständliche Demonstrationen herrschaftlicher Macht traten hervor. Durch die Jahrhunderte hindurch lernten wir zu lesen. Wir lenkten unsere Aufmerksamkeit weg von den Exponaten, auf die sich gewöhnlich alle Blicke der Besucher richten, hin zur architektonischen ‚Verpackung‘. Zugegeben – besonders im Falle von Ausstellungsstücken wie der Büste der Nofretete – nicht ohne Anstrengung. Aber auch beim faszinierten Blick auf das Meisterwerk wurden wir zur kritischen Hinterfragung musealer Inszenierung angeleitet.

Das Neue Museum, besser gesagt das Konzept des Architekten David Chipperfields, machte die Idee von Berlin als Palimpsest nach allem Theorie-Vorlauf endlich konkret erfahrbar: So stand das heterogene Mauerwerk exemplarisch für die architektonische Freilegung verschiedener Epochen des Museums. Die Spuren der Vergangenheit wurden nicht restlos beseitigt, sondern ganz bewusst bewahrt und in das Neue integriert, sodass Vorher und Nachher zumindest rudimentär nebeneinander sichtbar bleiben.

 

Foto: Maria Galic
Foto: Maria Galic

Um Berlin als kulturelles Archiv zu begreifen, ist die Bewusstmachung solcher politischen Entscheidungen zentral: Wird gegensätzlichen, widerstreitenden Schichten von Erinnerungsorten architektonisch Ausdruck verliehen, oder ist man vielmehr darum bemüht, alle Schichten restlos abzukratzen und im Dienste eines vermeintlich geschichtslosen Neuanfangs rückstandslos zu überschreiben? Nicht zuletzt der mit zahlreichen Streitigkeiten verbundene Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses verdeutlicht die Aktualität dieser Fragen. So nahm unsere Archivarbeit ihren Anfang. Wir begannen zu lesen.

Die Neue Wache war gewissermaßen die Probe aufs Exempel, denn sie konfrontierte uns gleich mit einer Vielzahl von Problematiken des Gedenkens. So traten wir unterschiedlichsten, hochaufgeladenen, aber unsichtbaren Schichten entgegen, fanden eine vergrößerte Skulptur Käthe Kollwitz‘ mit Pietà-Motivik im Inneren vor und lasen mit Unverständnis die Inschrift „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“. Eine weitere Lektion: Die Errichtung von Mahnmalen und Gedenkstätten ist nicht nur eine sehr heikle Angelegenheit, sondern solche Erinnerungsstätten laufen auch schnell Gefahr, ihre Funktion völlig zu verfehlen.

Foto: Maria Galic
Foto: Maria Galic

Ehrfurcht überwältigte uns, als wir auf den Stufen des Pergamonaltars Platz nahmen und den Blick über die gigantischen Reliefs und Friese schweifen ließen. Erst nach dem Abflauen des anfänglichen Staunens gelang es in den perfekt gemeißelten Platten etwas von fremder Hand Zusammengesetztes, ohne Gewissheit Rekonstruiertes zu sehen. Friese, deren Geschichten um Götter und Giganten uns trotz aller zeitlichen Distanz weiter anregen und herausfordern.

Mit geschärftem Blick machten wir in der Brecht-Weigel-Gedenkstätte Halt. Doch hier konnten wir vorerst durchatmen, denn die Führung brachte uns das bedeutende Theaterpaar – eine Art erfrischendes Gegenprogramm – als Menschen näher. Auf dem benachbarten Dorotheenstädtischen Friedhof statteten wir den Grabmälern deutscher Intellektueller einen Besuch ab und trafen auf Ruhestätten alter Bekannter der Museumsinsel. So stießen wir z.B. auf das Grab Stühlers, dessen eigenwillige Gestaltung ebenfalls zur Diskussion einlud. Anschließend vergegenwärtigten wir uns auf der Weidendammer Brücke Berliner (Ge-)schichten anhand von Leben und Werk Wolf Biermanns.

Darüber hinaus gelangten wir aber auch an Orte, die fernab der klassischen Besichtigungsroute liegen. Im Werkbundarchiv schritten wir durch die Frankfurter Küche, tauchten über zahlreiche Vitrinen in Designideologien ein und erfuhren von den Maßstäben ‚guter‘ und ‚böser‘ Dinge. Während der individuellen Rundgänge, die eine genaue Betrachtung des vielfältigen Sammelsuriums ermöglichten, ertönten zahlreiche freudige „Das hatte ich auch mal!“. Jeder konnte sich und seine Kindheit in irgendeiner Form im Chaos hinter den Glasscheiben wiederfinden. Dass Museumskonzepte jedoch nicht immer an strenge Wissenschaftlichkeit geknüpft sein müssen, verdeutlichte uns ein Besuch bei Roland Albrecht. Das Ensemble aus Dingen, Geschichten und nicht zuletzt dem Gründer selbst geriet zu einem amüsanten Verwirrspiel, bei dem sogar gestandene Literaturstudentinnen die Autorität von Fußnoten allmählich in Frage stellten. 

Eine Lesung aus der „Gebrauchsanweisung für Potsdam und Brandenburg“ von Antje Rávic Strubel führte uns zu einem Exkurs nach Potsdam. Diskussionsimpulse lieferte nicht nur Strubels Text, sondern vor allem auch die Stadt Potsdam. Ihr auffällig historisches Antlitz forderte erneut zur Auseinandersetzung mit dem Thema Geschichtsvergessenheit heraus. Parallel zum Berliner Stadtschloss lieferte auch das historisch rekonstruierte Stadtschloss, das seit seiner Eröffnung Anfang 2014 den Brandenburgischen Landtag beherbergt, Gesprächsstoff.

Foto: Maria Galic
Foto: Maria Galic

Zum Abschluss unserer Berlin-Lektüre ließen wir uns auch in die Machart des berühmten Museums einführen, dessen Silhouette aus der Vogelperspektive oft mit einem Blitz verglichen wird. Die außergewöhnlichen Bauten Daniel Libeskinds sollten uns noch lange hinsichtlich der Frage beschäftigen, wie weit (nachträgliche) Interpretationen eines Architekten gehen dürfen.