(Be-)Sinne(n)

Wer sich mit dem Schaffen von Daniel Libeskind ein wenig vertraut gemacht hat, weiß: Seine architektonischen Kreationen verweigern sich konventionellen Vorstellungen von Gebäuden. Dass wir in Kreuzberg also auf einen grauen, sperrigen, mit Schlitzen überzogenen Kasten treffen, dessen Dimension sich allein aus der Aufsicht erfassen lässt und der uns zudem den Zutritt zu verwehren scheint, überrascht mit diesem Vorwissen also nicht. Im Inneren angekommen, bewegen wir uns durch die Gänge, lassen uns die ‚Geheimnisse‘ des Museums näher bringen, das schon als leer stehender Neubau Besucher magisch angezogen hatte. Markante Charakteristika des Libeskind-Baus bestehen in seiner Zickzack-Form und in den sogenannten „Voids“, leere und meist unzugängliche Räume. Aber auch der „Garten des Exils“ sowie der „Holocaustturm“ sind besondere Elemente dieses Ensembles, das den barocken Altbau ergänzt.

Foto: Maria Galic
Foto: Maria Galic

Ohne Details dieser Architektur ausdeuten zu müssen, allein mit der Kenntnis einiger Benennungen, wird offenkundig: Libeskinds Konstruktion ist maßgeschneidert für ein Jüdisches Museum, das nicht einfach nur Ausstellungen beherbergt, sondern dessen Strukturen den Holocaust sehr durchdacht reflektieren. Doch beim Rückblick auf die Entstehungsgeschichte des heutigen Jüdischen Museums wird man plötzlich stutzig: Als Libeskind im Jahr 1989 den Architekturwettbewerb gewann, konnte er noch gar nicht wissen, dass sein blitzförmiges Gebäude – offizieller Projektname „Between the Lines“ – zum Jüdischen Museum werden würde. Zu diesem Zeitpunkt war lediglich die Erweiterung des Berlin-Museums ausgeschrieben, die zukünftige Stellung der Jüdischen Abteilung dagegen war noch völlig unklar.

Derartig viele Aspekte des Museums, Explizites und Implizites, lassen sich äußerst stimmig hinsichtlich der Schoah auflösen. Davon zeugte auch die Museumsführung, die uns auf weitere Details stieß. Aber inwiefern konnte „Between the Lines“ dann damals überhaupt universell geplant worden sein? Hätte man das Gebäude im Falle einer allgemeineren Nutzung ganz anders gedeutet? Wie sehr lesen wir letztendlich das heraus, was unseren Erwartungen an einen bestimmten Ort entspricht? Wie dehnbar sind Inhalte eines kulturellen Archivs? An keinem anderen Erinnerungsort unserer Exkursion wurde die Frage nach dem legitimen Deutungsspielraum von Architektur so dringlich gestellt wie im Jüdischen Museum.

Foto: Sabrina Jaehn
Foto: Sabrina Jaehn

Wer den Holocaustturm betritt, in den durch einen einzigen schmalen Spalt – je nach Stand der Sonne – mal mehr, mal weniger Licht dringt, verspürt unweigerlich ein beklommenes Gefühl. Meist mehr als das. Dunkelheit, Kälte, Leere und eine schwere Eisentür, die hinter einem zufällt. Betritt man den Turm völlig allein, wecken diese Bedingungen Angstgefühle. Mit der Bezeichnung Holocaustturm im Hinterkopf assoziiert man unwillkürlich Menschen, die in Viehwaggons gesperrt und in Vernichtungslager deportiert werden. Die meisten Besucher – so zumindest die Vermutung – kommen nicht umhin, emotional und physisch darauf zu reagieren. Völlig erstaunt bleiben wir dann zurück, als der Museumspädagoge erklärt, dass Daniel Libeskind diesen Turm keineswegs als einen Raum der sinnlichen Erfahrung konzipiert habe. Im Gegenteil. Hintergrund dieser Konstruktion sei dagegen ein intellektueller, reflexiver Ansatz gewesen. Der Turm symbolisiere Stille, eine künstlerische Leerstelle, genauer gesagt den unvollendet gebliebenen dritten Akt der Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg.

Wo verlaufen die Grenzen der Interpretation? Welche Rolle spielt die Intention des Architekten? Sollten sich der Ansatz des Schöpfers und die Deutung des Rezipienten diametral gegenüberstehen? Diese und viele weitere Fragen der Erinnerung und des Gedenkens treiben uns weiter um. Davon zeugen auch die Beiträge der Berlin-Leserinnen, die sich des Jüdischen Museums angenommen haben. Sie alle verbindet das (Be-)Sinne(n). In „Museum der Sinne“ vermittelt Julia Kübel ihre Lesart des Jüdischen Museums als ein Mahn- und Erinnerungsort, der mit dem ganzen Körper wahrgenommen wird. Veronika Mach verarbeitet in „Gedankengang“ die Eindrücke und Gefühle, die einen Besucher ereilen können. Darüber hinaus begibt sich Maria Galic in „Die Leerstellen im Korridor“ auf Spurensuche.