Museum der Sinne – Wahrnehmen der Erinnerung an den Holocaust mit dem ganzen Körper

von Julia Kübel

Ein leeres Museum als Gedenkstätte? Ein Museum ohne Inhalt? Genau das war 1999 die Idee des Berliner Architekten Daniel Libeskind, bevor er das Jüdische Museum mit Museumsexponaten schmückte und es in der heute bekannten Form 2001 die Pforten öffnete. Wir wollten bei unserer Exkursion das Museum exakt auf diese Art und Weise erkunden. Die Architektur stand im Vordergrund, der Hintergrund und die Geschichte des Nationalsozialismus sind längst bekannt und werden diesmal durch Wahrnehmung und nicht durch Information vermittelt. Das Konzept der Räumlichkeiten sollte uns faszinieren. Schon von außen wirkt das Jüdische Museum nicht wie jedes andere Museum. Es ist ein in sich verschachtelter Betonklotz, der Eingang ist zunächst nicht zu sehen. Die Bedeutungsebenen dieser Verschachtelung sind vielfältig. Einerseits könnten es die nachgezeichneten, markanten Eckpunkte der Stadtkarte Berlins sein, wo Juden lebten (wie Brecht oder Heine), andererseits könnte mit dem Bauwerk einer Zickzacklinie auch die Diskontinuität der deutschen Juden in der Gesellschaft gemeint sein. Dem Besucher wird damit genug Raum für Imagination gegeben.

 

Hinein geht man in einem barocken Altbau nebenan durch Sicherheitsschleusen. Die Durchsuchung ist Pflicht, Sicherheit geht vor. Innen angekommen, sammeln wir uns im angebauten Glaspavillon, die Sonne scheint aufs Dach und wir machen uns auf den dunklen Erinnerungsweg, hinein in die jüdische Geschichte. Die Räume des Museums sind eng, dunkelgrau. Der Boden ist uneben. Das Gleichgewicht zu finden, fällt schwer. Die ganze Zeit ist man damit beschäftigt, den richtigen, einen festen Stand auszuloten. Man findet keinen Halt. „Das ist so gewollt. Libeskind wollte somit die Instabilität und die Ausgrenzung der Juden in der Gesellschaft zeigen“, weist uns die Museumspädagogin auf unsere schwankenden Körper hin. Die unterirdischen Gänge zeigen die Achsen der vergangenen Wirklichkeit der in Deutschland lebenden Juden mit drei verschiedenen Richtungen.

Foto: Lisa-Marie George
Foto: Lisa-Marie George

Am Ende der „Achse der Emigration“ befindet sich der „Garten des Exils“. Man verlässt das Museum und betritt einen betonierten Außenbereich mit zwölfprozentiger Steigung. 49 Stelen sind ähnlich dem Holocaust-Mahnmal in sieben mal sieben Reihen aufgestellt: Hoch über den Stelen wachsen Pflanzen. Das grüne Dickicht der Ölweiden versperrt so im Sommer die Sicht in den Himmel. Man ist zwischen den Stelen gefangen. Die Ölweiden sollen gleichzeitig aber auch für Hoffnung stehen. Wählt man die „Achse des Holocaust“, kommt man in den „Holocaustturm“. Es ist ein dunkler, hoher und kalter, dreieckig angelegter Raum. Von der Außenwelt abgeschottet, verbindet ein schmaler Lichtstreifen an der Decke die Außenwelt mit dem Turm. Auch Straßenlärm klingt so gedämpft hinein. Durch die auditiven Sinneswahrnehmungen, die Kälte und die Dunkelheit möchte man diesen Raum schnell wieder verlassen. Zwischen den Achsen hat der Architekt bewusst Platz für eigene Erinnerungen oder Gedanken gelassen. Die sogenannten „Voids“, wie der „Holocaustturm“ oder der „Garten des Exils“, stellen eine Leerstelle innerhalb der bedrückenden Atmosphäre her. Sie sind nicht klimatisiert und auf künstliche Beleuchtung wurde komplett verzichtet. Die dritte Achse ist die der Kontinuität. Der Gang wird schmaler und reicht hin bis zu einer Treppe, um doch wieder an die Oberfläche zu gelangen. Man läuft die Stufen nach oben. Kurz vor dem Ausgang, welcher nach links abführt, wird die ausweglose Situation der Juden nochmals deutlich. Die letzten Stufen führen noch weiter nach oben. Man gelangt nirgendwo hin. Sie enden mit einer Steinwand. Man kommt nicht weiter.

Foto: Sabrina Jaehn
Foto: Sabrina Jaehn

Eine letzte Station der „Voids“, die wir im Museum wahrnehmen, verbindet alle Sinneswahrnehmungen so stark, dass man am liebsten flüchten möchte. In der Installation „Shalechet“ (Gefallenes Laub) des israelischen Künstlers Menashe Kadishman findet man hinter einer Ecke versteckt, ein Meer aus stilisierten, schreienden Gesichtern auf kupferfarbenen platten Tellern. Der Besucher ist ausdrücklich aufgefordert, über die Installation zu laufen und sich die Klänge der aneinander reibenden Scheiben anzuhören. Nicht alle Besucher laufen auf die Gesichter zu. Ein beklommenes Gefühl kommt auf. Die „Täter“ marschieren rücksichtslos über die Köpfe, der Rest der Museumsbesucher steht am Rand und schaut zu. Alle haben es gesehen, gewusst und nichts unternommen. Mit diesem Gefühl der Starre und Ohnmacht werden wir aus dem Museum entlassen. Das grübelnde Nachdenken hat sich eingestellt. Auch wenn wir nicht viel von den Geschichten einzelner Personen mitbekommen haben, sind wir ergriffen und die Erinnerung hat uns getroffen und sitzt tief in den Knochen. Welche Auswirkung Sinneswahrnehmungen auf das Gedächtnis haben.