Archivarbeit

von Katrin Ziegast

Foto: Katrin Ziegast
Foto: Katrin Ziegast

B.E.R.L.I.N. Wir werden in diese riesige Spielwiese gespült. Und jetzt? Am Anfang springt uns der Reader-Titel an: Die Stadt als kulturelles Archiv. Laut Duden muss Berlin dann sinngemäß „eine geordnete Sammlung von [historisch, rechtlich, politisch belangvollen] Schriftstücken, Dokumenten, Urkunden und Akten“ sein. Es gilt also, diese „Dokumentensammlung“ zu entdecken und zu erforschen. Wir beginnen die Stadt zu lesen. Nähern uns ihr aus verschiedenen Perspektiven. Was wollen wir eigentlich rausbekommen? Wie können wir diesem „Gedächtnis“ seine Geheimnisse entlocken und Erinnerungsorte für unsere Forschung nutzen? Wir fangen an, unter der Oberfläche zu kratzen und entdecken Wundersames: Friedhöfe werden zu lebenden Archiven. Betende Knaben sind eigentlich Diener und Brücken mutieren zu literarischen Protagonisten. Alles ist immerfort in Bewegung und der Veränderung unterworfen. Wir erkennen die Spuren, die Vernetzungen, die dieses kulturelle Archiv ausmachen. Sehen lernen. Das ist unser Credo. Simpel und doch so schwer.

 

Als wir über den Dorotheenstädtischen Friedhof schlendern, kommt mir folgende Liedzeile eines Berliner Rappers in den Sinn: „Konserviert und archiviert. Ich hab‘s gespeichert.“ Ist Berlin jetzt so ne Art Konserve? Luftdicht verschlossen und in mundgerechten Häppchen geordnet? Archivarbeit bedeutet Dinge miteinander in Beziehung zu setzen. Auf diese Weise verschieben sich Kontexte. Und neue Verästelungen werden sichtbar.

 

Es wird Zeit nach dem Stand der Dinge zu fragen. Es gibt gute und böse Dinge. Historischer Kern des Museums der Dinge ist das sogenannte Werkbundarchiv, hier wird entschieden, was gelungen und weniger gelungen ist. Ein Ding ist ein Ding. Und „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos.“ Sprüche archiviert das Werkbundarchiv leider nicht. Nachdem ich in den vollgestopften Ding-Schränken meine Polly Pocket Wohnbüchse entdeckt habe, bin ich beseelt. Eindeutig ein gutes Ding. Ebenso das Männerarchiv. „Der Mann als solches. Der Mann in der Literatur. Der Mann als archiviertes Wesen.“ Unerhörte Dinge gibt es in B.E.R.L.I.N. ja genug.

 

Und wir spazieren weiter zwischen den Gräbern auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof umher. Unserem lebenden Archiv. An Marcuse und Becher vorbei. Weitermachen! Das ist die Devise.