Berlin – eine Erinnerung

von Janine Gremmel

Nächster Halt: Bielefeld. Während der Zug langsam in den Bahnhof einrollt, denke ich an meine Freundin, die zur selben Zeit nur 30km entfernt beerdigt wird. Statt hier umzusteigen, fahre ich allerdings noch 2,5 Stunden weiter, um in der Stadt anzukommen, von der man, zumindest hat man oft das Gefühl, nur mit einem Leuchten in den Augen sprechen darf. Ich fahre also nach Berlin und werde mich dort mit Erinnerungskultur befassen, was angesichts meiner Situation auf groteske Weise lächerlich ist. Und dann ist da diese Stadt, die ich schon etliche Male besucht habe, die übervoll mit persönlichen Erinnerungen und mir doch so fremd ist, wie es ein Ort nur sein kann, an dem man nie gelebt hat. Diese Stadt, in der man unbedingt mal gewesen sein muss. Diese Stadt, die an kulturellen Angeboten schier überquillt. Diese Stadt, die ja irgendwie relevant sein muss, da ich sonst nicht hier wäre. Es gibt viele Gebäude und Orte in Berlin, die historisch und politisch von Belang sind, doch was bedeutet es eigentlich, dass etwas von Belang ist? Es muss von Wert sein und die vielen Touristen, die an die Denkmäler pilgern, könnten ein Indiz für ihre Bedeutung sein. Neben der Tatsache, dass es sich hierbei um einen klassischen Fehlschluss handelt, macht bei einer Führung auf der Museumsinsel ein einziger Mensch all diese Überlegungen zunichte. Der Verantwortliche ist natürlich Philosophie-Student und führt uns zielgerichtet an die Stellen im Museum, an denen sich offenbart, dass wir von einer reinen Konstruktion umgeben sind, dass alles Bedeutung hat, wir aber häufig nicht erkennen, wie profan sie ist. Wir wandern durch die Museen, die uns Geschichte vorgaukeln und glauben, etwas davon verstehen zu können, ein Stück weit an eine kollektive Erinnerung anknüpfen zu können. Aber wie soll die beschaffen sein? Auf Tafeln kann ich nachlesen, was an diesem oder jenem Ort, mit diesem oder jenem Gegenstand geschehen ist, wofür es steht, letztendlich aber bleibt es ein Ort, ein Gegenstand, der inszeniert wurde. Wie würde eine Stadt wohl aussehen ohne all die Hinweisschilder und Banner, die mir suggerieren, dass ich hier und jetzt an der Geschichte teilnehmen darf? Nach dieser großartigen Führung stolpere ich durch Berlin und frage mich, was denn jetzt noch kommen soll, warum ich mir das alles noch anschaue.

 

Ich sehe die Ziertapete an der Decke des neuen Museums, die aus einer Notwendigkeit heraus angebracht wurde, die Tafeln im Pergamonmuseum, von denen man nicht weiß, ob sie korrekt zusammengefügt wurden, ich sehe einen Mann im Museum der unerhörten Dinge, der mit Fundstücken eigene Geschichte schreibt und eine Gruppe von Studierenden, die das staunend zur Kenntnis nimmt, ich sehe einen dunklen Raum mit einem kleinen Lichtstrahl, der seine Wirkung durch das Blitzlicht der Kameras verfehlt, ich sehe einen Spazierstock, den ich mir anschauen muss, weil Brecht ihn tatsächlich noch benutzt haben soll, während ich doch in seiner Wohnung stehe und ich sehe sein Grab. Und ich frage mich, warum es interessanter sein soll, als das Grab meiner Freundin, warum ein Stein mir Geschichte vermitteln will, und ob die Verantwortlichen, sollte dieser Friedhof jemals zerstört werden, ein Schild aufstellen werden, auf dem steht, dass an dieser Stelle Brechts menschliche Überreste gelegen haben. Und ich frage mich, ob das einen Unterschied machen würde.

Eine Stadt ist immer kulturelles Archiv, der Rest eine Frage der Einstellung und des Blickwinkels. Man sagte mir, Berlin sei kulturell höchst bedeutsam und ich sah sie mir an, sah die Bedeutung, die man ihr und den Erinnerungsstücken beimisst. Und ich sah ein kollektives Bedürfnis nach Bedeutung.

 

Auf der Rückfahrt steige ich nicht in Bielefeld aus, der Grabstein mit den Zahlen 04.07.1987 - 05.02.2014 könnte bedeutungsloser nicht sein.