Mit Biermann durch Berlin

von Katharina Graef

Foto: Lisa-Marie George
Foto: Lisa-Marie George

An dem gusseisernen Adler lehnt ein Mann im schwarzen Dufflecoat, in seiner Jackentasche eine Ausgabe der “Neues Deutschland”. Er blickt geradeaus. Fröhlich wirkt er nicht, eher ein wenig abgekämpft. Seine Position ist geschickt gewählt: Sind es wirklich die Flügel des Adlers, die links und rechts hinter seinen Schultern hervorgucken oder sind es gar seine?

 

Der Mann, der an der Brüstung der Weidendammer Brücke im Osten Berlins lehnt, heißt Wolf Biermann. Das Foto des “preußischen Ikarus”  ist berühmt geworden, spiegelt es nicht nur Biermanns ambivalentes Verhältnis zur DDR, dem Land, in das er vier Jahre nach dessen Gründung 1953, freiwillig immigrierte und das ihn ab 1965 mit einem absoluten Auftrittsverbot belegte, sondern viel(e) Geschichte(n) der ehemals geteilten Stadt wider.

 

Da wo die Friedrichstraße sacht

Den Schritt über das Wasser macht

  da hängt über der Spree

Die Weidendammer Brücke. Schön

Kannst du da Preußens Adler sehn

  wenn ich am Geländer steh.

 

Aus: Wolf Biermann: Ballade vom preussischen Ikarus, in: Ders.: Alle Lieder. Köln: KiWi 1991, S. 284.

 

Ein guter Startpunkt also, um sich mit einem imaginierten Biermann an der Seite auf einen kleinen Spaziergang durch Berlin zu machen. Die Weidendammer Brücke liegt nur einige Meter vom Bahnhof Friedrichstraße entfernt. Dass dieser mal ein Grenzbahnhof zwischen Ost und West war, lässt sich nur noch erahnen, wenn man weiß, dass nebenan noch immer seine Abfertigungshalle, der Tränenpalast, zu besichtigen ist. Abschiedsszenarien und Agentenaustausch, die Notwendigkeit, selbst zum Preußischen Ikarus zu werden und wegzufliegen, wie es sich Biermann in seiner Ballade ausmalt, ist alles andere als gegenwärtig.  

 

Im deutschen Dezember floß die Spree

Von Ost- nach Westberlin

Da schwamm ich mit der Eisenbahn

Hoch über die Mauer hin

 

Aus: Wolf Biermann: Deutschland. Ein Wintermärchen. http://www.zeit.de/1967/23/aus-deutschland-ein-wintermaerchen

 

Der Mann, der in einem sehr schnell fahrenden Wagen über die Grenze gerissen wird, ist diesseits unerreichbar. Fahrbahnen. die zur Grenze bestimmt sind, haben Frost und Hitze aufgebrochen, in den Rissen wuchert Unkraut. Gewisse Bürgersteige sind nur durch eine Türschwelle getrennt von Gaststätten oder Wohnräumen, in denen anderes Geld gilt. [...] Es gibt nicht: Berlin.

 

Aus: Uwe Johnson: Berliner Stadtbahn (veraltet), in: Ders.: Eine Reise wegwohin und andere kurze Prosa. Berlin, Weimar: aufbau 1989, S. 186.

 

Überquert man die Weidendammer Brücke mit dem Bahnhof im Rücken, ist das Berliner Ensemble, Brechts berühmte Wirkungsstätte, nur noch ein paar Schritte entfernt. Im Haus seines Idols war Biermann während seines Studiums an der Seite von Helene Weigel Regieassistent

 

Ein kurzes Stück weiter, da, wo die Friedrichstraße zur Chausseestraße wird, ist die Hausnummer 131. Ein Eckhaus, unten ein Imbiss, oben Fenster und Grau. Biermann hat hier bis zu seiner Ausbürgerung 1976 gewohnt, hier gaben sich Größen wie Max Frisch, Günter Grass und Uwe Johnson die Klinke in die Hand.

 

Biermann hat zwei gute Räume, viel an den Wänden, Fotos vom Vater (Haft-Foto) bis Lenin, Poster, Texte, Malerei von Freunden, Drucke, ein Che Guevara auch, Einstein mit der Zunge. [...] Keine Inszenierung, glaubwürdig als Kruste einer lebendigen Person, einer vorerst stillen Person. Im Lauf einer Stunde kommen dazu: der junge Jürgen Rennert, Böttcher, ein Maler und Dokumentarfilmer, ein Physiker, Freunde von Biermann.

 

Aus: Max Frisch: Aus dem Berliner Journal, Berlin: Suhrkamp 2014, S. 131.

 

Döner vom Imbiss im Untergeschoss gab es bei ihnen bestimmt nicht, vielleicht sind sie stattdessen einfach ein bisschen geradeaus hochgelaufen bis zur Chausseestraße 125 und haben sich von Helene Weigel mit Gulasch und Kaiserschmarrn bewirten lassen. Leider ist der BrechtKeller, ein Restaurant im Keller der letzten Wohnung von Brecht und Weigel, heute geschlossen.

Ans Brechthaus angrenzend liegt der Dorotheenstädtische Friedhof, der für sich einen Spaziergang wert ist. Er ist nicht nur ein Refugium abseits des Trubels der Friedrichstraße, sondern auch und vor allem die Grabstätte berühmter und weniger berühmter Intellektueller – die Akademie der Künste hat hier sogar ihr eigenes Areal. Johannes R. Becher hat ein Vogelhaus auf seinem Grab installieren lassen, vor Heiner Müller ist ein Aschenbecher in den Boden gesetzt und Herbert Marcuses Grabstein sagt “weitermachen!”.

 

Wir hakeln uns Hand in Hand ein

Und schlendern zu Brecht seinem Grab

Aus grauem Granit da, sein Grabstein

Paßt gerade für Brecht nicht schlecht

Und neben ihm liegt Helene

Die große Weigel ruht aus

Von all dem Theaterspielen

Und Kochen und Waschen zu Haus

 

Aus: Wolf Biermann: Der Hugenottenfriedhof, in: Ders. Alle Lieder. Köln: KiWi 1991, S. 215.

Foto: Sabrina Jaehn
Foto: Sabrina Jaehn

„Es gibt Dinge, die gibt es nicht: ein Friedhof, der Literaturgeschichte weiterschreibt“, schreibt Fritz J. Raddatz  über den Dorotheenstädtischen Friedhof. Weitergedacht wird schnell klar: Es ist nicht nur der Friedhof, der Geschichte(n) schreibt, sondern die Stadt, die an jeder Straßenecke, die Seiten für weitere Kapitel öffnet und so ein sich ständig erneuerndes Netz von Bedeutungen spinnt. Ein Protagonist und Autor wie Biermann macht diesen Prozess sichtbar.