Berlin

von Julia Gördes

  Vergangene Epochen, wechselnde Regime, Schichten über Schichten,
Erinnerungen – tief eingebrannt in die Stadt,
konserviert, überschrieben, verfälscht.
Lebendige Inseln der Vergangenheit, flüsternde Geschichten 
hallen von den Gemäuern wider,
von erhabenen Gebäuden,
von jedem noch so kleinen Ding.
Doch verhallen sie gar allzu leicht
und bleiben ohne Zuwendung völlig stumm,
fügen sich ein in das alltägliche Einerlei –
ungehört, von vielen übersehen.
Doch siehst du etwas genauer hin, kannst du sie entdecken:
Spuren, Zeugen einer anderen Zeit,
manchmal nur noch bloße Risse im Gemäuer,
Unebenheiten in der Fassade,
Diskontinuitäten in der Zeit.
Fährst du mit dem Finger darüber, spürst du den Spuren nach,
lassen sie vielleicht erahnen, was sie einst bedeuteten,
erfährst du, worauf sie heute noch verweisen.
Wie die dunklen Stelen, die sich mahnend in den Himmel bohren,
windschief, auf steinigem Untergrund,
erschweren den Gang, verweigern den Halt,
lassen dich taumeln –
irgendwo zwischen Gegenwart und Vergangenheit.
Zwischen dunklen Schächten und kreischendem Grund
erblickst du sie, erblickst du dich.
Trauma in der Zeit, Wunden der Vergangenheit, Risse im Gemäuer –
längst vergangen und doch stets präsent, vielfach unbequem.
Der Wunsch zu vergessen, Versuche sie zu tilgen:
künstlich überformt, nachträglich geglättet – 
ersehnte Revision.
Den Blick gewandt zum noch leeren Platz an der Spree
reckt eine Statue ihre Arme zur ungewohnten Pose.
Längst ist sie nicht mehr die, die sie einst war.
Die falsch montierten Arme verraten sie.
Einzig ein Fundament wie aus dem Nichts ists, was sie erblickt,
vermeintlich alt und doch unsagbar neu
vergräbt es Erichs Lampenladen unter sich
als hätte es ihn nie gegeben.
Unversehens wird das Alte neu geschrieben
und erbittet sich den Schein der Ursprünglichkeit.
Der Kampf um Gegenwart und Vergangenheit, um Erinnerungen und Zukunft 

bereits entbrannt,
bringt den Stein ins Rollen, der Geschichte unablässig weiterschreibt.
Unzählige Füße, sie mahlen den Stein,
 hinterlassen ihre Spuren,
Fußabdrücke im Beton der Stadt,
mal unbemerkt, mal mit Bedacht,
umgeben von gedächtnisträchtigen Orten und den namhaften Männern dieser Stadt.