Die Neue Wache und ihre Funktion

von Sabine Grotenhues

Mitten in Berlin steht sie: die Neue Wache. Oder sollte man eher sagen die Alte Wache? Denn ihren ursprünglichen Zweck – die Bewachung des Königs – erfüllt sie nicht mehr. Deutschland hat keinen König mehr, Deutschland hat keine Monarchie mehr, doch die Neue Wache, die ist immer noch da. Obwohl sie im Zweiten Weltkrieg sogar fast vollständig zerstört wurde, hat man sie wieder aufgebaut. Aber warum? Das fragen sich viele und dies löst eine ungeheure Debatte aus, denn die Neue Wache dient heute als Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Mit dem Begriff „Opfer“ sind aber nicht nur die rund sechs Millionen ermordeten Juden gemeint, sondern auch die gefallenen Soldaten, deren Zahl nicht geringer gewesen ist. Deshalb befindet sich unter der Granitplatte im Inneren der Wache nicht nur die Urne eines Widerstandskämpfers, sondern auch die eines Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Diese Tatsache sorgte bei vielen für Empörung, da auf diese Weise die Täter zu Opfern gemacht werden. Die Frage, die man sich allerdings stellen sollte, ist doch eher, wer in diesem Fall die wirklichen Täter waren. Waren es tatsächlich die Soldaten, die im Endeffekt auch nur gezwungenermaßen Befehle ausgeführt haben? Befehle, die sie ausführen mussten, um nicht selbst hingerichtet zu werden? Waren es nicht viel eher die Befehlsgeber, die hier die Täter waren und die nicht so ohne Weiteres auf eine Stufe zu stellen sind mit den einfachen Soldaten?

 

Vermutlich gibt es viele verschiedene Ansichten darüber. Aber feststeht, dass ein Denkmal immer eine bestimmte Funktion hat: das Gedenken. Demnach kann es nicht so falsch sein, sowohl der hingerichteten Juden als auch der gefallenen Soldaten zu gedenken. Wenn dies nicht der Fall sein sollte, stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Erhaltung der Neuen Wache noch notwendig ist.