Der Krimi um den Erfinder der Büroklammer oder Die Büroklammer, die Charles Darwins Notizen zur Evolutionstheorie zusammenhielt

von Anna Mojsejenko

Foto: Sabrina Jaehn
Foto: Sabrina Jaehn

Die Ende 1831 begonnene und fast fünf Jahre andauernde Reise mit der HMS Beagle, die den jungen Charles Darwin einmal um die Welt führte, war Schlüsselerlebnis und Grundlage für sein späteres Werk. Der breiten Öffentlichkeit wurde Darwin erstmals durch seinen 1839 herausgegebenen Reisebericht bekannt.

 

Bereits 1838 entwarf Darwin seine Theorie der Anpassung an den Lebensraum durch Variation und natürliche Selektion und erklärte so die phylogenetische Entwicklung aller Organismen und ihre Aufspaltung in verschiedene Arten. Über 20 Jahre lang trug er Belege für diese Theorie zusammen. 1842 und 1844 verfasste Darwin kurze Abrisse seiner Theorie, die er jedoch nicht veröffentlichte. Diese zahlreichen Notizen – über 10.000 Stücke extrem dünnen Papiers – hielt eine einzige Büroklammer zusammen.1 

 

Ab 1856 arbeitete Charles Darwin an einem umfangreichen Manuskript mit dem Titel Natural Selection. Durch einen Brief von Alfred Russel Wallace kam es im Sommer 1858 schließlich zu einer Veröffentlichung der Theorien über die Evolution durch die beiden Männer. Ein Jahr später folgte Darwins Hauptwerk On the Origin of Species (Über die Entstehung der Arten), das als streng naturwissenschaftliche Erklärung für die Diversität des Lebens die Grundlage der modernen Evolutionsbiologie bildet und einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der modernen Biologie darstellt.

 

Zwischen dem Buchbinder John Erwins, der Darwins Werke herstellte, und Charles Darwin entstand über die Jahre eine enge Freundschaft. Erwins, ein großer Fan der Arbeit seines Freundes, begeisterte sich so sehr für die Schriften, dass Darwin ihn in seinem Testament als Erbe aller Notizen und Schriften eintrug. Nach dem Tod Darwins gingen diese in den Besitz des Buchbinders über und wurden schließlich 1902 von dessen Tochter an das Natural History Museum in London übergeben.2

 

Die Büroklammer, die das besagte Päckchen von Notizen zusammenhielt – die restlichen waren mit einem dünnen Bastband zusammengeschnürt – fand jedoch keine große Beachtung und verbrachte mehrere Jahrzehnte in der Schreibtischschublade eines Sachbearbeiters des Museums. 1934 stellte dieser einige Unterlagen für den damaligen Museumdirektor Richard Olsen zusammen und benutzte diese bestimmte Klammer. Dieser erkannte, dass die Büroklammer außergewöhnlich war, als die Papiere auf seinem Tisch lagen und die Sonne auf die Büroklammer schien. Die Büroklammer reflektierte das Licht ungewöhnlich stark. Olsen gab die Büroklammer ins museumseigene Labor und ließ sie untersuchen. Ergebnis war, dass die Büroklammer aus Silber gefertigt war, welches in der Form nur in Südamerika anzutreffen ist.

 

Trotz des anfänglichen Interesses des damaligen Museumsdirektors gerieten die Forschungsergebnisse zu Darwins Büroklammer in Vergessenheit. Erst der heutige Direktor des Londoner Natural History Museums, Michael Dixon, entdeckte die Büroklammer samt Laborbericht im Museumsdepot wieder. Erneut bestätigte sich der Befund des außergewöhnlichen Silbers, das beweist, dass die Büroklammer eindeutig aus Südamerika stammt und somit von südamerikanischen Urvölkern hergestellt worden sein muss. Mit modernen Methoden konnte man den Herstellungszeitraum der Büroklammer auf 1000-1100 eingrenzen.

 

Bisher wurde der Ursprung der Erfindung der Büroklammer auf etwa 1890 datiert. The Gem Manufacturing Company in England war offiziell das erste Unternehmen, das Büroklammern industriell fertigte. William Middlebrook aus Waterbury, Connecticut, wurde 1899 ein Patent für die industrielle Fertigung von Büroklammern erteilt. Doch nun ist davon auszugehen, dass die Ureinwohner Südamerikas den Engländern um einige Jahrhunderte zuvorgekommen sind. Wozu die Büroklammer im Südamerika des 11. Jahrhunderts verwendet wurde, ist unklar. Das Sortieren von Bürounterlagen kann jedoch ausgeschlossen werden.

 


[1] Vgl. Mayr, Ernst: The Growth of Biological Thought. Diversity,Evolution and Inheritance. 12th Printing. Cambridge: The Belknap Press of Harvard University Press 2003, S. 505-510.

[2] Vgl. Natural History Museum. http://www.nhm.ac.uk/ (Zugriff am 24.02.2014).