Dingdichtung

von Esther Kalb

Foto: Sabrina Jaehn
Foto: Sabrina Jaehn

Dem Deutschen Museumsbund zufolge hat ein Museum vier Kernaufgaben: sammeln, bewahren, forschen und ausstellen. Das Museum der unerhörten Dinge in Berlin erfüllt alle diese Kriterien: Es sammelt Gegenstände und bewahrt diese in einem Depot auf, es besitzt einen Ausstellungsraum und begleitet seine Exponate mit wissenschaftlicher Recherche. Und doch unterscheidet es sich von anderen Museen: Der Ausstellungsraum misst (geschätzt) gerade einmal 12m², die Sammlung ist nach (teilweise unrealistischem) Gewicht geordnet und die Begleittexte der Exponate vermischen Fakten mit Fiktion. Der Museumsleiter Roland Albrecht bezeichnet sein Museum deshalb gerne als „literarische Wunderkammer“ oder sogar als „begehbares Buch“. Sein Anliegen ist es, Alltagsgegenstände zu „erhören“ – also die Geschichte, die sie ihm erzählen, zu verschriftlichen. Diese Geschichten unterfüttert er mit recherchierten Fakten, um sie glaubwürdig zu machen. Durch die Texte und die Inszenierung im Ausstellungsraum erhalten die „erhörten Dinge“ seiner Meinung nach eine Aura; häufig auch durch ihre Verbindung mit berühmten Namen. So stellt er beispielsweise die Goethe-Rose oder Teile der Schreibmaschine Walter Benjamins aus.

 

Als unsere zwanzigköpfige Gruppe sich in das kleine (für einen Filmdreh ausnahmsweise zum Reisebüro umdekorierte) Museum quetscht, werden die Exponate zunächst ehrfürchtig betrachtet, dann huscht dem einen oder anderen beim Lesen der Ausstellungstexte ein Grinsen übers Gesicht und schließlich wird der Wahrheitsgehalt der Texte offen diskutiert. Wir spüren, dass es Roland Albrecht nicht primär darum geht, Wissen über die Exponate zu vermitteln, sondern vielmehr darum, zu zeigen, dass Wirklichkeit und Wahrheit konstruiert sind. Es ist also eigentlich ein Museum über die Funktionsweise von Museen. Und trotzdem würdigen wir die einzelnen Exponate. Vielleicht hat also Walter Benjamin doch nicht so Unrecht mit seiner Behauptung, dass die Aura den Dingen selbst  und zwar jedem einzelnen (selbst Plastikpinguinen und Hochzeitsfotos)  innewohnt.1 Das würde auf jeden Fall erklären, warum es die Geschichte über seine (angebliche?) Schreibmaschine schon bis in wissenschaftliche Veröffentlichungen geschafft hat.

 

Die Frage, wie er auf die Idee gekommen ist, seine persönlichen Fundstücke in einem Museum auszustellen, und warum seiner Meinung nach die Besucher so zahlreich erscheinen, beantwortet Albrecht übrigens mit einem verschmitzten: „Wenn ich das nur wüsste…“.

 


[1] Vgl. Benjamin, Walther: Fragmente gemischten Inhalts. Autobiographische Schriften (1930) In: derselbe: Gesammelte Schriften Band VI. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1985, S. 588.