Ente gut, alles gut

von Annika Ahrens

Foto: Annika Ahrens
Foto: Annika Ahrens

1973, an einem warmen Sommertag, fand der diensthabende Wachoffizier eine kleine gelbe Ente aus Gummi. Bei seinem stündlichen Rundgang durch den Innenraum des Mahnmals für die Opfer des Faschismus und Militarismus, der „Neuen Wache“, lag sie einfach da. Er konnte sich nicht erklären, wer das Spielzeug dort verloren hatte, machte sich aber auch keine weiteren Gedanken darum und übergab die Ente zur Wachablösung einfach seinem Vorgesetzten, der sie in die große Kiste mit der Aufschrift „Fundstücke“ tat. Dort verblieb sie. 1975, 2 Jahre, 4 Monate, 1 Woche, 3 Tage, 5 Stunden, 8 Minuten und circa 32 Sekunden später fand sie ein anderer Offizier, der eigentlich nur einen Aktenordner im Schrank seines Vorgängers gesucht hatte. Erwin Schiesch, so hieß der Mann, erkannte die Ente sofort. Sie hatte ihm nämlich mal das Leben gerettet. Als 5-Jähriger war er beim Schlittschuhlaufen ins Eis eingebrochen und wäre fast ertrunken, hätte er nicht plötzlich eine kleine gelbe Ente gesehen, die ihm den Weg durch die Eisdecke wies. Erwin hatte sie mit nach Hause genommen und ihre Unterseite mit einem kleinen „E“ versehen. Es stellte sich heraus, dass Erwins Schwester die Ente einer Freundin, die weggezogen war, als Glücksbringer vermacht hatte. Nach längerer Suche konnte Erwin die Freundin von damals ausfindig machen. Beim Besuch erzählte sie ihm, dass sie die Ente tatsächlich nur versehentlich verloren hatte und sie eigentlich an dem Tag dabei hatte, um sie auf dem Grabstein ihrer Großmutter niederzulegen. Erwin und Ella verbindet seit diesem Tag etwas. Und wer weiß. Die Ente steht jedenfalls seitdem auf dem Badewannenrand. „Das passt doch irgendwie“, dachte Erwin.