Ein Mythos der Gegenwart

von Lisa-Marie George

Foto: Lisa-Marie George
Foto: Lisa-Marie George

Ich stehe vor diesem gigantischen Fries und es kommt mir vor, als müsste ich das scheinbar Vertraute berühren. Gleichzeitig spüre ich neben der räumlichen Distanz auch die Jahrtausende. Sie trennen mich von den überlebensgroßen Giganten und Göttern, die sich einander im Kampf gegenüberstehen.

 

Was geht mich das heute noch an? Warum faszinieren mich diese skulpturalen Gebilde des Pergamonaltars? So viele Leerstellen, die es zu füllen gilt.

Für mich erscheint die Szenerie erst einmal rätselhaft. Da kämpft ein schlangenbeiniges Wesen gegen die Göttin Athena. Sie zieht ihn am Schopf in die Luft, sein leidender Blick ein Ausdruck seiner Unterlegenheit. Macht und Gewalt spiegeln sich im Marmor.

 

Dieser Mythos – ist er für mich heute noch wichtig? Die ‚alten Geschichten‘ betrachte ich von meinem heutigen Standpunkt aus, ob ich will oder nicht. Durch den Bezug auf das Vergangene festige ich mein Selbstbild. Ich projiziere Hoffnungen und Wünsche in die statischen Figuren, die vor meinem inneren Auge zum Leben erwachen.

 

Doch welche Erkenntnisse ziehe ich daraus für meine Gegenwart und meine Zukunft? Stehe ich in der Tradition des zuvor Gewesenen?

Der Mythos scheint das Vergangene zu glorifizieren. Das Gegenwärtige wird unzulänglich. So wurde es bereits mehrmals – leider auch negativ – in der Geschichte (aus-)genutzt und so geschieht es auch heute noch.

Ich sehe ein anderes Potenzial im Mythos: Er sollte für das kollektive Gedächtnis unserer Kultur eine orientierende Kraft sein. Durch seine Betrachtung wird er für mich zur Energie, die mir hilft, die Gegenwart und meine Identität zu verstehen.

 

Das Pergamonmuseum ist selbst zum mythischen Ort geworden. Mythos und Realität verflechten sich miteinander in diesem Gebäude. Der Bau ist ein Erinnerungsort. Er verewigt die Reformen der Museumskultur nach dem Zweiten Weltkrieg, die zu jener Zeit internationale Maßstäbe setzten.

 

Man könnte fragen: Was geht mich das heute an? Doch die Erhaltung eben dieses Gebäudes, das heute zum Weltkulturerbe zählt, geht uns alle etwas an.

Ab Herbst 2014 wird der Pergamonaltar für fünf Jahre nicht mehr zugänglich sein. Sanierungs- und Umbauarbeiten am gesamten Gebäude machen die Ausstellung des Altars sowie des Fries unmöglich. Der gesamte Umbau des Pergamonmuseums soll erst 2025 abgeschlossen sein und wird wohl als bisher teuerster und längster Museumsumbau in die Geschichte eingehen.

 

Schwierig daran ist vor allem, dass die Pläne des Architekten das Welterbe-Siegel der Museumsinsel gefährden. Die Eingriffe in das Baudenkmal werden erheblich sein, geplant ist unter anderem ein vierter Gebäudeteil als Verbindung zwischen Nord- und Südflügel des Museums.

In den Umbaumaßnahmen sehe ich vielmehr die Zerstörung eines historischen Gebäudes als eine sinnvolle Ergänzung des bereits Vorhandenen. Hier wird anscheinend nach dem Credo ‚Das Neue überschreibt das Alte‘ gearbeitet. Erinnerung wird nicht erhalten, sondern getilgt.

 

Die Beschäftigung mit dem Pergamonaltar hat mich nicht nur zur griechischen Mythologie hingeführt, die ich für unglaublich spannend und wichtig für die Einordnung unserer heutigen Kultur halte. Sie hat mich auch zur Auseinandersetzung mit der Verantwortung gebracht, die wir gegenüber Orten unseres kollektiven Gedächtnisses haben.

 

Ich frage nicht mehr: Was hat das noch mit mir zu tun? Werden Orte, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte lang für unsere Erinnerungskultur wichtig waren, einfach überschrieben oder ausgelöscht, dann zerreißen wir Anhalts- und Orientierungspunkte unserer gegenwärtigen Kultur. Die Gegenwart kann nicht ohne die Erinnerung existieren.

 

Auch die Gedichte von Gerhard Falkner sind eine eigene Form der Annäherung an den Pergamonaltar. Mit einem kritischen Blick setzt er das, was er auf dem Fries sieht, in Bezug zur Gegenwart. In den Gedichten gehen die fließenden Bewegungen des Marmors über in die Schnelllebigkeit unserer heutigen Medien. Die Gedanken des stillen Betrachters vermischen sich mit der Metropole Berlin. Und meine Gedanken? Sie verlieren sich irgendwo vor dem gigantischen Fries.

 

Was bleibt? Das antike Weltbild kann für mich nicht mehr einfach ins Hier und Jetzt geholt werden. Dafür hat sich die Erde ja weitergedreht; die zeitliche Distanz ist zu groß. Aber ich selbst kann das Gesehene für mich annehmen und in eigene Energien übersetzen, mit der Erkenntnis: Es geht mich etwas an.

 

Sprecherin: Lisa-Marie George

 

Quellen:

 

Assmann, Jan: Mythomotorik der Erinnerung. Fundierende und kontrapräsentische Erinnerung (1992). In: Texte zur modernen Mythentheorie. Hrsg. von Jörg Wesche u.a. Stuttgart: Reclam 2007, S. 277 – 286.

 

Bernau, Nikolaus: Rettet das Pergamonmuseum! In: Zeit Online. 13.01.2011. http://www.zeit.de/2011/03/Pergamonmuseum (Zugriff am 06.02.2014).

 

Falkner, Gerhard. Pergamon Poems. Gedicht und Clips. In: Bildungsserver Berlin-Brandenburg. http://bildungsserver.berlin-branden-burg.de/fileadmin/bbb/unterricht/faecher/sprachen/deutsch/News

/news_2013/Pergamon_Poems_2013.pdf (Zugriff am 06.02.2014).

 

Deutsches Historisches Museum: Pergamonaltar. http://www.dh-museum.com/pergamonmuseum-berlin/ (Zugriff am 13.01.2014).

 

Stiftung Preußischer Kulturbesitz: Pergamonmuseum. http://www.preussischer-kulturbesitz.de/standorte/bauvorhaben/masterplan-museumsinsel/pergamonmuseum.html (Zugriff am 13.01.2014).